Eine Ellenbogenentzündung, die mich monatelang nicht losgelassen hat
Vor einiger Zeit hat mich eine hartnäckige Entzündung im Ellenbogen ziemlich ausgebremst. Physiotherapie, orthopädische Behandlung: Alles half ein bisschen, aber richtig weg war das Problem nicht. Also habe ich recherchiert. Was passiert da in meinem Körper? Und warum reagiert er mit zunehmendem Alter offenbar empfindlicher auf solche Reize als noch vor zehn Jahren?
Die Antwort hat mich in ein Forschungsfeld geführt, das in der Longevity-Wissenschaft inzwischen einen festen Namen hat: Inflammaging. Das Kunstwort setzt sich aus „Inflammation“ (Entzündung) und „Aging“ (Altern) zusammen. Es erklärt, warum Gelenkschmerzen, langsamere Wundheilung und ein höheres Krankheitsrisiko im Alter oft denselben biologischen Nenner haben.
Am Thema hat mich gepackt, dass es harte Zellbiologie mit etwas verbindet, das viele alte Heilkonzepte schon lange beschreiben, von der traditionellen chinesischen Medizin bis zum Ayurveda: „Stille“ Entzündung im Körper gilt dort als Gegenspieler von Vitalität und langem, gesundem Leben. Die moderne Wissenschaft liefert dafür inzwischen die passenden Mechanismen.
Was ist Inflammaging überhaupt?
Mit steigendem Alter nimmt die Konzentration bestimmter Entzündungsmoleküle im Blut messbar zu. Forschende sprechen von einem chronischen, niedrigschwelligen Entzündungszustand, der sich deutlich von akuten Entzündungen unterscheidet. Diese Hintergrund-Entzündung gilt als einer der zentralen Treiber des biologischen Alterns und wird mit Krebs, Diabetes Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Demenz in Verbindung gebracht.
Entzündung an sich ist nichts Schlechtes. Sie gehört zu jeder Heilung: Ohne akute Entzündungsreaktion würde sich nicht einmal eine kleine Schürfwunde schließen. Entscheidend ist das Gleichgewicht. Gerät die Entzündung dauerhaft aus dem Takt, kippt sie vom Schutzmechanismus zum Risikofaktor.
Warum werden wir mit dem Alter entzündlicher?
Die Wissenschaft hat mehrere biologische Mechanismen identifiziert, die hier zusammenspielen. Zwei stechen besonders heraus.
Da sind zum einen die seneszenten Zellen: Mit der Zeit verlieren manche Zellen ihre normale Funktion. Sie teilen sich nicht mehr, sterben aber auch nicht ab, sondern schütten dauerhaft Entzündungsbotenstoffe aus. Es entsteht ein sich selbst verstärkender Kreislauf: mehr seneszente Zellen, mehr Entzündungsmoleküle, mehr Zellstress.
Zum anderen spielen die Telomere und Mitochondrien eine Rolle. Bei jeder Zellteilung verkürzen sich die Telomere, die schützenden Endkappen unserer Chromosomen. Werden sie zu kurz, gerät die Zelle unter Stress, und das kann die Funktion der Mitochondrien, unserer zellulären Kraftwerke, beeinträchtigen. Auch das treibt Entzündungsprozesse an.
Früher wurden Telomerverkürzung, Mitochondrienschäden und Entzündung als drei getrennte Alterstheorien behandelt. Heute weiß man, dass sie eng verzahnt sind und sich gegenseitig befeuern. Im Gehirn können chronische Entzündungssignale zum Beispiel die Mikroglia, die Immunzellen des Gehirns, aktivieren und so die Blut-Hirn-Schranke schwächen. Dieser Mechanismus wird mit dem Alzheimer-Risiko in Verbindung gebracht, die genaue Kausalkette ist aber weiterhin Gegenstand aktiver Forschung.
Gibt es schon Medikamente gegen das Altern selbst?
Hier lohnt ein nüchterner Blick auf den aktuellen Forschungsstand. Klassische, breit wirkende Entzündungshemmer sind keine Lösung, weil sie auch die notwendige Immunabwehr schwächen. Interessanter sind gezieltere Ansätze wie Senolytika: Substanzen, die seneszente Zellen gezielt aus dem Gewebe entfernen sollen.
Die Kombination aus Dasatinib und Quercetin gehört zu den am besten untersuchten Senolytika. In ersten klinischen Studien am Menschen hat sie seneszente Zellen tatsächlich reduziert. Eine 2025 veröffentlichte Studie an Herzpatienten zeigte außerdem entzündungssenkende Effekte von Quercetin, bei Männern deutlicher als bei Frauen. Wir stehen hier am Anfang vielversprechender, aber noch nicht abschließend bewiesener Therapien. Bis daraus etablierte Behandlungen werden, wird es noch eine Weile dauern. Gut abgesichert sind dagegen schon heute die Stellschrauben, die Du selbst in der Hand hast.
Was kannst Du konkret gegen Inflammaging tun?
- Bewegung: Regelmäßige körperliche Aktivität unterstützt die DNA-Reparatur, verbessert die Mitochondrienfunktion und aktiviert Sirtuine, Proteine, die Zellen helfen, besser mit Stress umzugehen. Größere Bewegungsstudien zeigen bei körperlich aktiven Menschen ein niedrigeres Risiko für Krebs, Diabetes, Herzerkrankungen und Demenz. Dafür brauchst Du kein stundenlanges Training: Schon regelmäßige, moderate Bewegung im Alltag macht einen messbaren Unterschied. Ich erlebe das in meinem eigenen Training jeden Tag.
- Ernährung: Die mediterrane Ernährung mit viel Gemüse, Vollkorn, Nüssen und Fisch und wenig stark verarbeiteten Lebensmitteln ist eine der am besten erforschten entzündungssenkenden Ernährungsweisen. Eine Rolle spielt offenbar vor allem die Vielfalt an pflanzlichen Lebensmitteln, weil sie ein gesundes Darmmikrobiom fördert. Als Richtwert nehme ich mir vor, pro Woche auf mindestens zehn verschiedene Gemüsesorten zu kommen. Das ist kein wissenschaftlich exaktes Limit, aber eine Eselsbrücke, die im Alltag gut funktioniert.
- Gewicht: Fettgewebe setzt selbst entzündungsfördernde Botenstoffe (Zytokine) frei, es ist mehr als ein passiver Energiespeicher. Wer über Bewegung und Ernährung sein Gewicht im gesunden Bereich hält, reduziert damit direkt einen Treiber von Inflammaging.
- Rauchen: Tabakkonsum erhöht DNA-Schäden und treibt Entzündungsprozesse zusätzlich an. Dieser Risikofaktor lässt sich vollständig vermeiden.
- Stress: Chronischer Stress wird in mehreren Studien mit verkürzten Telomeren und beschleunigter Zellalterung in Verbindung gebracht. Ausreichend Schlaf, Meditation und regelmäßige Yogapraxis zeigen in der Forschung positive Effekte auf Stressmarker und teilweise auf die Telomerbiologie. Die Studienlage ist hier noch uneinheitlich, und es braucht mehr hochwertige Langzeitstudien, um Kausalitäten eindeutig zu belegen.
Inflammaging ist kein Schicksal
Gesunde Gewohnheiten zahlen sich ein Leben lang aus, aber je älter wir werden, desto mehr Gewicht bekommen sie. Mit Bewegung, Ernährung, Gewichtsmanagement und Stressregulation kannst Du den Prozess aktiv beeinflussen. Die Forschung zu Senolytika und anderen gezielten Therapien wird in den nächsten Jahren sicher spannende neue Optionen liefern. Ich behalte sie im Blick und halte Dich hier auf dem Blog auf dem Laufenden.
Bis dahin reicht ein einziger Hebel aus der Liste, an dem Du in den kommenden Wochen konsequent dranbleibst. Je älter Du wirst, desto wichtiger wird es, selbst einzugreifen.














